
Wohlstand kann eine Frage von Zentimetern sein: In Marktwirtschaftlichen Systemen werden Menschen größer als in Planwirtschaften
nicht unbedingt im Einzelfall, aber im Durchschnitt
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Wenn Ökonomen Wohlstand messen, betrachten sie meist das Bruttoinlandsprodukt. Es gibt aber andere Indikatoren,
die ein umfassenderes Bild vermitteln etwa die Größe der Bürger. Ein deutsch-deutscher Vergleich zeigt: In der DDR gab es mehr Ungleichheit
als in der Bundesrepublik.
Die Frage »Wie geht es Ihnen?« ist eine beiläufige Formulierung.
Viel schwieriger ist es, auf diese Frage eine wohl überlegte Antwort zu geben. Doch das Wohlbefinden der Menschen ist ein
zentrales Thema für die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Es liegt an uns, eine Politik zu formulieren, deren Ziel es
ist, das Wohlergehen der Gesellschaft zu mehren. Das ist auch der Grund, warum Gelehrte sehr viel Mühe darauf verwenden,
dieses Wohlergehen zu quantifizieren und zu erforschen.
Konventionelle Indikatoren wie das Einkommen, das Bruttosozialprodukt oder die Arbeitslosenquote sind hinlänglich bekannt.
Was weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass diese Indikatoren kein vollständiges Bild für einen Gesamteindruck liefern.
Sie tangieren nur indirekt Fragen wie die der sozialen Fürsorge bei Kindern oder wie hoch der tatsächliche Anteil des
Volkseinkommens ist, der insgesamt für diesen Zweck aufgewendet wird. Genauso wenig geben Statistiken wie diese Auskunft
über die Unterschiede zwischen dem Lebensstandard von Männern und Frauen. Und was ist mit der Umweltverschmutzung? Es
reicht also nicht aus, sich auf Einkommen, Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit zu beschränken.
Ein weiteres großes Problem ist, dass sich Einkommensdaten zwischen extrem divergierenden wirtschaftlichen und politischen
Systemen, wie es in beiden Teilen Deutschlands vor der Vereinigung der Fall war, für Vergleiche nicht gut eignen. Wie zum
Beispiel sollen wir die Tatsachen vergleichen, dass die DDR keine Arbeitslosigkeit kannte, aber dass Arbeiter und
Angestellte 1980 nur halb so viel verdienten wie ihre westdeutschen Kollegen?
Hinzu kommt, dass Statistiken, die von einem diktatorischen Regime veröffentlicht werden, nicht zuverlässig sind. In
solchen Fällen hat sich für diese Art von Vergleich das Datenmaterial über Gesundheit und Sterblichkeit als besonders
geeignet erwiesen. Deshalb bedienen sich Wissenschaftler seit kurzer Zeit eines weiteren biologischen Indikators: Zur
Messung des objektiven Wohlbefindens einer Gesellschaft wird die Körpergröße der Menschen herangezogen.
Man kann davon ausgehen, dass biologische Prozesse wie das Körperwachstum von ökonomischen Rahmenbedingungen beeinflusst
werden. Sozialpolitik, medizinische Versorgung, Lebensumstände, Ernährung, haben eine Wirkung auf Gesundheit, Körpergröße
und somit allgemein auf das Wohlbefinden. Ganz einfach ausgedrückt: Wenn Kinder und jugendliche während ihrer Wachstumsphase
regelmäßig und in ausreichender Menge kalorienreiche und gesunde Nahrung bekommen und wenn Rahmenbedingungen der allgemeinen
medizinischen Versorgung es erlauben, dann erreichen diese Kinder hohe Körpergrößen. Wenn schwangere Frauen sich gesund
ernähren können, unter ärztlicher Aufsicht stehen und sich keiner anstrengenden körperlichen Arbeit aussetzen müssen, werden
sie gesündere und größere Kinder gebären.
Krankheiten sowie die allgemeine medizinische Versorgung und der Grad der Umweltverschmutzung sind wesentliche Faktoren,
welche die durchschnittliche Körpergröße einer Bevölkerung beeinflussen. Das Einkommen beeinflusst die Statur, weil es eine
entscheidende Rolle bei der Ernährung spielt. Insbesondere geht es dabei um die Aufnahme von Proteinen, Vitaminen und Mineralien
und um die Regelmäßigkeit, mit der diese Nährstoffe im Laufe der Kindheit und Jugend eingenommen werden.
Auch die Bildung spielt eine große Rolle. Eltern mit guter Ausbildung sind zumeist besser in der Lage, für ihre Kinder zu
sorgen, vor allem achten sie stärker auf eine gesunde Ernährung. Der Unterschied zwischen Stadt und Land macht insofern
etwas aus, als die Versorgung mit Lebensmitteln und die medizinische Versorgung in der Stadt oft besser sind als in ländlichen
Gebieten. Die Sozialpolitik, die Müttern, Kindern und den Armen zugute kommt die finanzielle und medizinische
Unterstützung durch den Staat , beeinflusst auch die Gesundheit und die Statur von Kindern.
Die Körpergröße eignet sich daher gut, den allgemeinen Gesundheitszustand und den biologischen Lebensstandard zu messen.
Die Untersuchung der Körpergröße in beiden deutschen Staaten eröffnet die Möglichkeit, mittels eines einzigen Indikators
das biologische Wohlbefinden zweier genetisch sehr eng miteinander verwandter Gesellschaften zu vergleichen, nämlich die
der Bundesrepublik und die der DDR vor der Einheit, die in zwei völlig unterschiedlichen Sozial- und Wirtschaftssystemen
beheimatet waren. In der DDR waren die Unterschiede in der Körperhöhe bei verschiedenen sozialen Gruppierungen tabu
die Daten wurden aus ideologischen Gründen nicht ausgewertet. Mit dem Bundesgesundheitssurvey 1998, einer Erhebung des
Robert-Koch-Instituts, können die Unterschiede in der Körpergröße jedoch untersucht werden. Bei dem Survey handelt es sich
um eine repräsentative Stichprobe von 7.164 Fällen, mit der sich Aussagen sowohl über West- als auch über Ostdeutschland
machen lassen.
Vier bemerkenswerte Erkenntnisse lassen sich durch eine Auswertung dieser Daten herausfiltern:
Erstens: Westdeutsche Männer und Frauen waren zirka einen Zentimeter größer als ihre ostdeutschen Mitbürger. Das ist insofern
wichtig, als es den Rückschluss zulässt, dass Kinder, die in der Zeit des Wirtschaftswunders geboren wurden, besser ernährt
und medizinisch versorgt waren und einen besseren Zugang zu sozialen Dienstleistungen hatten als Kinder, die im Sozialismus
aufwuchsen. Ferner offenbarte sich der westdeutsche Größenvorteil in allen sozialen Schichten. Ungeachtet öffentlicher Bekundungen
waren sogar die Kinder (Jungen und Mädchen) von Angehörigen unterer Schichten im Westen größer als im Osten. Für Männer, die in der
DDR nach dem Mauerbau geboren wurden, verschlechterte sich die Situation.
Zweitens: Die Körpergröße derjenigen ostdeutschen Männer, die zwischen 1971 und 1980 geboren wurden und die noch jung genug waren,
um vom neuen Sozialsystem zu profitieren, begann mit der westdeutschen Körperhöhe zu konvergieren. Angesichts dieser kurzen
Zeitspanne ist es ein beachtlicher Erfolg, auch wenn bei den Frauen ein ähnliches Muster nicht erkennbar ist. Es ist
wesentlich, dass diese die Männer betreffenden Erkenntnisse auch an anderer Stelle untermauert werden, und zwar in der Militärstatistik
des Bundesverteidigungsministeriums. Der Mediziner Michael Hermanussen hat nachgewiesen, dass die 19-jährigen westdeutschen Rekruten
in den Jahren 1992 und 1993 im Durchschnitt immer noch 1,2 Zentimeter größer waren als die ostdeutschen Rekruten. Danach schloss sich
diese Lücke sehr schnell bis auf 0,4 bis 0,5 Zentimeter.
Drittens: Ostdeutsche Männer und Frauen aus höheren sozialen Schichten waren 2,5 beziehungsweise 3,2 Zentimeter größer als Männer und
Frauen aus niedrigeren sozialen Schichten. Weit davon entfernt, eine klassenlose Gesellschaft zu sein, waren die sozialen Unterschiede
in Ostdeutschland ähnlich ausgeprägt wie in Westdeutschland.
Viertens: Die räumlich ungleiche Verteilung der Körpergröße war im Osten viel eklatanter und weiter verbreitet als im Westen. Ostdeutsche
Männer, die in Großstädten und Städten mit mehr als 5 000 Einwohnern lebten, waren im Durchschnitt 2,2 Zentimeter größer als diejenigen,
die in kleineren Städten und Dörfern lebten. Bei den Frauen machte der Unterschied 0,9 Zentimeter aus. Dagegen gab es in Westdeutschland
fast überhaupt keine räumlichen Unterschiede, und wenn es sie gab, handelte es sich nur um wenige Millimeter.
Daraus folgt, dass der Wohlstand in der DDR auf dem Lande wesentlich geringer war als der Wohlstand in der Stadt. Das hängt teilweise
auch damit zusammen, dass der landwirtschaftliche Sektor im Osten (zwölf Prozent) dreimal so groß war wie im Westen (vier Prozent). Hinzu
kommt, dass medizinische Versorgung und Lebensmittelversorgung im Osten räumlich nicht so gleichmäßig verteilt waren wie im Westen. Der
Grund dafür ist, dass der Dienstleistungssektor im Osten nicht so ausgeprägt war. Im östlichen Teil des Landes arbeiteten 38 Prozent aller
Beschäftigten im Dienstleistungssektor, im westlichen waren es hingegen 57 Prozent.
Dem auf Sozialer Marktwirtschaft basierenden westdeutschen Wohlfahrtsstaat ist es im Gegensatz zur DDR-Planwirtschaft gelungen, seinen
Bürgern einen biologisch höheren Lebensstandard zu bieten. Das Ergebnis dieses Systemvergleichs wird auch daran deutlich, dass sich die
gesellschaftspolitischen Veränderungen der deutschen Einheit positiv auf das Körperwachstum der Männer in der ehemaligen DDR auswirkten.
Allerdings ist dieser Effekt bei den Frauen nicht zu beobachten, und Ziel der Forschung sollte es sein, dafür die Ursache zu finden. Bei
vergleichbar großen sozialen Unterschieden in Ost und West gab es in der DDR ein auffälliges räumliches Ungleichgewicht; dieses Phänomen
trat im Westen so gut wie nicht auf. Auch das ist ein wichtiger Aspekt für den Lebensstandard.
V ersteht man Wohlstand als multidimensionalen Begriff und fasst man darunter mehr als die bloße Kaufkraft für Güter und Dienstleistungen,
wird offensichtlich, dass die DDR alles andere als eine egalitäre Gesellschaft war. Misst man mit der durchschnittlichen Körpergröße
regionale Einflüsse, Umweltverschmutzung, soziale Ungleichheit, Bildungseffekte und vor allem die Einflüsse des politischen Systems,
dann ergibt sich ein klarer Befund: Der biologische Lebensstandard im rheinischen Kapitalismus der Bundesrepublik war nicht nur höher,
sondern auch gleichmäßiger verteilt als im Realsozialismus der DDR.
John Komlos ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität München.
Dipl.-Soz. Peter Kriwy ist Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität München.
| Essay Kompakt |
Solide Wirtschaftsdaten zur vergleichenden Wohlstandsmessung in unterschiedlichen Wirtschaftssystemen sind rar. Das gilt auch für
West- und Ostdeutschland.
Die durchschnittliche Körpergröße einer Bevölkerung ist ein guter Ersatzindikator. Sie spiegelt medizinische, soziale und
ökonomische Lebensbedingungen wider.
In der DDR war danach nicht nur der Lebensstandard geringer als in der Bundesrepublik, die Ungleichheit war zudem größer.
Seit 1990 holen die Ostdeutschen auf.
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