Schuhgröße 43, Körperhöhe 1,80 Meter Teenager mit solchen Maßen
sind keine Seltenheit mehr. Noch vor 100 Jahren waren sie dagegen durchschnittlich rund 15 Zentimeter kleiner als heute.
»Die Deutschen sind etwa alle zehn Jahre einen Zentimeter größer geworden«, erklärt der Kieler Anthropologe
Hans Jürgens. Doch das hat aufgehört. Seit einigen Jahren bleiben die Deutschen so groß, wie sie sind.
Für das Jahrzehnte lange Wachsen, die so genannte Akzeleration, gibt es zahlreiche Theorien: Vom Fettgehalt der Nahrung über den
Grad der Sonneneinstrahlung oder die Einflüsse der Verstädterung reichen die Erklärungsversuche. Entscheidend für die Zunahme des
Körperwachstums sind jedoch die Lebensbedingungen im frühesten Kindesalter, wie der Mediziner Karl Bergmann vom Robert-Koch-Institut erklärt.
Es gab im Laufe der vergangenen Jahrzehnte mehr und qualitativ hochwertigere Lebensmittel, weniger Infektionskrankheiten und mehr soziale
Zuwendung für Kinder durch Eltern und Bezugspersonen, und das habe Kinder größer werden lassen. Um 1900 starb dagegen noch etwa jedes fünfte Kleinkind.
Und bereits in den ersten Lebensjahren werde die Akzeleration sichtbar, erklärt Bergmann: Schon zwei- und dreijährige Knirpse sind heute deutlich
größer als die Kleinkinder von vor 100 Jahren. Laut einer Untersuchung des Robert-Koch-Institutes waren die Männer in Deutschland zwischen 18 und
29 Jahren bereits vor fünf Jahren im Durchschnitt 1,79 Meter groß. Und an Länge zugelegt haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur die Deutschen,
sondern generell alle Nord- und Westeuropäer.
Finnen und Norweger sind sogar noch länger als Schleswig-Holsteiner. Italiener und Spanier beispielsweise holen dagegen noch auf, außerdem Menschen
in Ostasien, erklärt Jürgens. Das Auffällige dabei: Asiaten wachsen derzeit nicht proportional mit dem ganzen Körper, sondern länger werden bei ihnen
vor allem die Beine, der Körper gleicht sich den europäischen Proportionen an. Bis zum vollständigen Angleichen wird es aber noch Jahre dauern. Bis dahin
werden sogar auf indonesischen Inlandsflügen eigene Sitzreihen für Europäer angeboten.
Dass das Wachstum von Menschen, die unter optimalen Lebensbedingungen in Industriestaaten leben, inzwischen abgeschlossen ist, bestätigen beide Wissenschaftler.
Und der Anthropologe Jürgens glaubt, dass das Wachstum inzwischen nicht nur stagniert, sondern wieder zurückgehen wird. Schon jetzt haben große Menschen
erhebliche Schwierigkeiten beispielsweise mit dem Hüftgelenk und der Wirbelsäule. Auch das Kreislaufsystem sei nicht für ein endloses Wachstum angelegt,
erklärt Jürgens. »Wenn es so weitergeht, bräuchten wir bald auf Halshöhe noch ein zweites Herz.«
Groß zu sein habe in erster Linie soziale Vorteile, sagt er. »Längere Leute sind angesehener«, so der Anthropologe. Sie haben mehr Erfolg im Berufsleben
und bei der Partnerwahl. Jürgens führt eine Untersuchung bei Polizistinnen und Schwesternschülerinnen an: Etwa zehn Jahre nach ihrem Berufseinstieg hatten
die »Längeren« bei gleicher Intelligenz und Ausbildung deutlich mehr Karriere gemacht.
Bergmann hat zudem festgestellt, dass größere Menschen im Schnitt länger leben, außerdem scheinen sie dem Mediziner zufolge im Allgemeinen intelligenter zu
sein. Das sei aber nur eine Gesamttendenz, erklärt Bergmann: »Das heißt nicht, dass Kleinere automatisch dümmer sind.«
Das Wachstum der Menschen bringt Jürgens zufolge aber auch praktische Probleme mit sich. Für Möbel und andere Alltagsgegenstände gelten Durchschnittswerte,
was Höhe und Größe angeht. Und diese Werte werden jetzt europaweit normiert. War ein Schreibtisch nach deutscher DIN-Norm 76 Zentimeter hoch, muss er nach
europäischen Richtlinien jetzt um vier Zentimeter niedriger sein, denn die vergleichsweise kleinen Südeuropäer setzen den europaweiten Durchschnittswert herunter. |