Beim Einkaufen in Hannover werden lange Leute genügsam
Gepfefferte Preise für Klamotten, die noch aus der vorigen Saison sind

Neue Presse, Hannover, 30. Dezember 1996 · Autor: Christian Lomoth

Martina und Rainer | Anprobe bei Big Boys

(Links) Anlaufstelle für männliche Lange: Martina Kruse und Rainer von Hesse vor dem Fachgeschäft für Übergrößen, Big Boys, in der Osterstraße.
(Rechts) Maß genommen – denn lange Menschen haben es nicht leicht: Klaus-Peter Bock von Big Boys sucht etwas Passendes für Rainer von Hesse.
(Fotos: Dröse)

Den Spaß an einem Einkaufsbummel in Hannover hat Rainer von Hesse verloren. Jedenfalls, wenn er neue Klamotten sucht. Er weiß, er wird nichts finden, und fährt lieber gleich nach Hamburg. Nicht, weil sein Geschmack so extravagant ist. Sondern, weil der 31jährige 2,10 Meter lang ist.
Nur wenige Geschäfte bieten in der Leinemetropole Konfektionsgrößen 118 oder 122. »Und die Sachen passen fast nie, entweder sind die Ärmel zu kurz, oder es sitzt einfach schlecht«, sagt von Hesse. Außerdem seien sie meist noch mit »gepfefferten Preisen versehen oder Ladenhüter«. Alternativen? »Gibt es hier nicht, das Angebot ist zu klein.«
Immerhin finden lange Männer noch Jacken oder Pullover im Fachgeschäft Big Boys, aber Martina Kruse hat mit ihren 1,92 Meter überhaupt keine Chance in Hannover. »1,80 Meter sind kein Problem beim Klamottenkauf, 1,85 geht auch noch, aber hier hört es dann auf«, weiß die 31jährige. Als Zwölfjährige mußte sie mit ihren 1,77 Meter schon in der Damenabteilung einkaufen, jetzt trifft sie sich an manchem Sonnabend mit anderen Mitgliedern des Klubs Langer Menschen und fährt nach Hamburg. »Dort gibt's wenigstens drei Läden für Frauen mit unseren Maßen.«
Allerdings sind die modisch nicht topaktuell. »Meist hinken die Geschäfte eine Saison hinterher«, klagt Martina Kruse. »Und man muß Schweinepreise bezahlen«, ergänzt Rainer von Hesse. Für ein Sakko muß er mindestens 700 Mark hinblättern, für eine Jeans 150 Mark, für einen Pullover 200 Mark. Weil das Angebot knapp ist.
»Es gibt nur noch wenige Hersteller, die solche Größen produzieren, dementsprechend gering ist die Stückzahl.« So hat es von Hesse auch schon oft bei Katalogen erlebt, daß die angepriesene Ware schon ein Tag später nicht mehr zu haben war.
Allerdings ist der Markt nicht so groß, daß sich mehr Geschäfte heranwagen würden. Ein Laden in Hannover mit speziellem Angebot für Lange mußte vor einigen Jahren wieder schließen, und auch für andere Bekleidungsgeschäfte ist das Kundenpotential zu klein. Der Klub Langer Menschen (Frauen müssen mindestens 1,80 Meter, Männer 1,90 Meter lang sein) hat derzeit in Hannover 120 Mitglieder und 45 Interessenten.
Die Langen werden mit der Zeit genügsam: »Man senkt seine Ansprüche in puncto Mode automatisch, man muß sich halt damit arrangieren«, sagt von Hesse. Aber das ärgert ihn auch gar nicht so. Dann schon eher, daß er nicht vernünftig in einer Telefonzelle stehen kann. Oder nur schwer ein passendes Auto oder Bett findet. »Manche Verkäufer betrachten einen gleich wie einen Außerirdischen, für den man eh nichts hat.«

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© KLM Hannover · Stand: 7. März 2002