So lebt der längste Mensch der Welt
Alexander Sizonenko aus St. Petersburg ist 2,40 Meter groß

BILD am Sonntag, 23. August 1998 · Autor: Jens Hartmann

Sizonenko mit Familie

Riese am Stock
Wegen seiner Rückenprobleme braucht Alexander Sizonenko beim Gehen einen Stock. Meist bleibt er in seiner Wohnung, Ehefrau Swetlana (1,74 m) ist dann sein einziger Kontakt. Auf diesem Foto präsentiert sie Söhnchen Alexander junior (heute vier).

Alexander Sizonenko hat heute keinen guten Tag. »Das Kreuz«, sagt er und verzieht sein Gesicht zu einer schmerzvollen Maske. Der tagelange Sommerregen, der St. Petersburg heimsucht, macht dem 40jährigen zu schaffen. Müde humpelt er durch seine kleine Dreizimmerwohnung im Petersburger Arbeiterbezirk Pukowo, duckt den Kopf knapp unter der 2,50 Meter hohen Decke. Wenn Alexander durch den Türrahmen geht, muß er seinen gebückten Körper noch tiefer beugen. Bloß nicht anecken, nicht hinfallen – wieder aufstehen wäre körperliche Schwerstarbeit. Alexander Sizonenko ist mit 2,40 Metern der größte Mensch der Welt, ein wissenschaftliches Institut hat ihn neulich noch vermessen. Im Stehen ist Alexander 229,6 Zentimeter, im Liegen sogar 240 Zentimeter groß. Der Unterschied hängt mit den Wirbeln zusammen: Beim Aufstehen stauchen sich die Wirbel um elf Zentimeter zusammen. Er benötigt Schuhe mit Größe 63, hat Kleidergröße 76/78.
Im »Guinness-Buch der Rekorde« stand bis vor einem Monat der Name des Pakistaners Haji Mohammad Alam Channa – er war 2,31 Meter groß und starb im Alter von 42 Jahren an Nierenversagen. Bis 1985 war Alexander einer der besten Basketballspieler seines Landes, heute ist er ein schmerzgeplagter Invalide, der von umgerechnet 74 Mark Rente leben muß. Der Rücken macht ihm zu schaffen, wenn es feucht ist, quetschen die Wirbel die Nervenstränge ein. »Dann falle ich zusammen wie eine Marionette, deren Fäden durchnitten wurden«. Auch das Herz hält die Belastungen, die diese Körpergröße mit sich bringt, immer schlechter aus. Die Knöchel schwellen häufig an, Medikamente gegen die Schmerzen kann er sich kaum leisten: »Die sind nur noch gegen Rubel zu haben, früher war die Arznei kostenlos«.
Wenn Alexander aus seinem 2,60 Meter langen Bett – einer Spezialanfertigung aus Deutschland – aufsteht, lockert er mit Greifübungen die Hände, massiert sich die Wangen, Ohren und Nacken, um die Blutzirkulation zu stimulieren. Seine Hände sind doppelt so groß wie die eines gewöhnlichen Erwachsenen. »Je größer der Mensch ist, desto größer sind auch seine Probleme«, sagt der Mann mit dem graugewordenen Haarschopf.
Seine Frau Swetlana, die als Maklerin arbeitet, lernte er auf der Straße kennen. Sie wollte das Autogramm des Ex-Sportlers, er bekam dafür ihre Telefonnummer. 1987 haben die beiden geheiratet, ihr gemeinsamer Stolz heißt Alexander junior, viereinhalb Jahre alt. »Wenn wir spazierengehen, kann er aufrecht zwischen meinen Beinen hindurchlaufen«, erzählt der Papa. Doch auch dieses Glück ist nicht ungetrübt: Bei dem Jungen haben die Ärzte einen schweren Herzfehler diagnostiziert.

Basketballer A. Sizonenko

Lufthoheit
Von 1976 bis 1985 war Alexander ein erfolgreicher Basketballer, wurde mit seiner Mannschaft insgesamt dreimal russischer Meister. Weil er eine Knöchelverletzung nicht ausheilte, mußte er seine Karriere beenden.
Fotos: Gavrilov/Rufu

Alexander Sizonenko wuchs mit zwei Brüdern in einem kleinen Dorf in der Ukraine auf. Schon früh merkte man, daß er schneller als alle anderen in die Höhe schoß: In der ersten Klasse überragte er seine Kameraden bereits um einen Kopf.
Verläßt Alexander seinen Plattenbau, stützt er sich mühsam auf einen Stock. Die Aufmerksamkeit fremder Menschen zieht der traurige Riese zwangsläufig auf sich. Bei seinen seltenen Spaziergängen in der Petersburger City drehen sich alle staunend um. Er wird um Autogramme und Gruppenfotos gebeten. Einige weichen ihm allerdings auch ängstlich aus, andere schütteln verächtlich den Kopf, Kinder bekommen große Augen. Seine Größe empfindet er, seitdem es in den vergangenen Jahren mit der Gesundheit bergab ging, zunehmend als Last. »Sehen Sie sich die Königsmutter aus dem Buckingham-Palast an«, meint Alexander, »sie ist 98 Jahre alt und kerngesund. Woran liegt das?«
Die Antwort gibt er selbst, er duldet keinen Widerspruch: »Ganz einfach – die Frau ist klein...«

(Artikel mit zwei weiteren Fotos)

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© KLM Hannover · Stand: 7. März 2002